Woh­nen muss Ware blei­ben

2019-10-08T10:14:43+00:002. Oktober 2019|

Von Rai­ner Schorr

Woh­nen ist ein mensch­li­ches Grund­be­dürf­nis und eine Exis­tenz­fra­ge. Das hat der Bun­des­prä­si­dent unlängst wie­der bestä­tigt. Und wer möch­te ihm ange­sichts der der­zei­ti­gen Woh­nungs­markt­si­tua­ti­on wider­spre­chen. Der aktu­el­le Man­gel an adäqua­ten Woh­nun­gen in den Groß­städ­ten und ihren Bal­lungs­räu­men soll­te aller­dings nicht dazu füh­ren, das Recht auf eine Woh­nung gegen den Markt zu set­zen und den Waren­cha­rak­ter von Woh­nun­gen zu ver­nei­nen: Woh­nen ist nicht nur ein Bedürf­nis, son­dern auch eine Ware sofern es einen Markt gibt, auf dem Mie­ter wie Käu­fer ein hin­rei­chen­des Ange­bot vor­fin­den, aus dem sie eine für sie pas­sen­de und bezahl­ba­re Woh­nung wäh­len kön­nen. Und es ist nicht zuletzt der Waren­cha­rak­ter von Woh­nun­gen, der eine fai­re Preis­bil­dung bei Mie­ten und Kauf­prei­sen ermög­licht.

Eine sol­che fai­re Preis­bil­dung und ein bedarfs­ge­rech­tes Ange­bot haben es in der Bun­des­re­pu­blik in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit mit geo­gra­phi­schen und tem­po­rä­ren Ein­schrän­kun­gen gege­ben. Denn auf der Ange­bots­sei­te sorg­ten Nach­fra­ge und Zah­lungs­be­reit­schaft poten­zi­el­ler Kun­den dafür, dass umfang­rei­che Kapi­tal­strö­me in den Woh­nungs­bau flos­sen und Woh­nun­gen dort gebaut wur­den, wo man sie brauch­te. Und wo die pri­va­ten Ent­wick­ler am unte­ren Ende der Leist­bar­keit nicht für den Bedarf bau­ten, sprang der Staat mit Steu­er­geld für den Woh­nungs­bau ein.

Drei Ereig­nis­se haben die­sen Mecha­nis­mus jüngst aus dem Gleich­ge­wicht gebracht. Das ers­te ist die Urba­ni­sie­rung, die ange­sichts schwin­den­der Per­spek­ti­ven auf dem Land immer mehr jun­ge Men­schen in die Bal­lungs­räu­me treibt. Das zwei­te ist der Ver­kauf kom­mu­na­ler Woh­nungs­un­ter­neh­men an Finanz­in­ves­to­ren. Und das drit­te ist das gro­ße Kapi­tal­an­ge­bot und die euro­päi­sche Null­zins­po­li­tik. Letz­te­re führt bekannt­lich dazu, dass sich Woh­nun­gen mit gerin­gem Ein­satz finan­zie­ren und in pro­fi­ta­ble Invest­ments ver­wan­deln las­sen. Die­se Ereig­nis­se bewir­ken einen star­ken Über­hang auf der Nach­fra­ge­sei­te sowie stei­gen­de Prei­se, durch die Woh­nen für immer mehr Men­schen zu einer Exis­tenz­fra­ge wird.

Es zeugt aller­dings von einem pro­ble­ma­ti­schen Miss­ver­ständ­nis der sozia­len Markt­wirt­schaft, dass sich die woh­nungs­po­li­ti­schen Maß­nah­men in die­ser Aus­nah­me­si­tua­ti­on aus­schließ­lich auf den Aspekt der Exis­tenz­si­che­rung bedürf­ti­ger Men­schen fokus­sie­ren und allen­falls der kom­mu­na­le Woh­nungs­bau als för­de­rungs­wür­dig erscheint. Denn dadurch wer­den mehr und mehr Bür­ger zu Leis­tungs­emp­fän­gern einer staat­li­chen Woh­nungs­ver­sor­gung. Statt­des­sen soll­ten wir, auch um das Selbst­be­wusst­sein der Bür­ger zu stär­ken, den pri­va­ten Woh­nungs­bau in den Städ­ten ange­mes­sen unter­stüt­zen, so dass es trotz der immensen Her­aus­for­de­rung wie­der ein aus­rei­chen­des Waren­an­ge­bot an Woh­nun­gen gibt. Nicht Ver­sor­gung, son­dern die Schaf­fung von Wahl- und Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten muss das Ziel unse­rer Woh­nungs­po­li­tik sein.

Der Autor ist Geschäfts­füh­rer der PRS Fami­ly Trust GmbH.

Zuerst erschie­nen in Immo­bi­li­en Zei­tung, 2019

Bildquelle/Copyright: PRS Fami­ly Trust

Rai­ner Schorr, Geschäfts­füh­rer der PRS Fami­ly Trust GmbH

 

 

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