Axel Koscha­ny,  geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter von 
Koscha­ny + Zim­mer Archi­tek­ten KZA
(Foto: Clau­dia Anders, Anders foto­gra­fiert)

Exklu­siv auf prim­fo: Inter­view aus dem im Novem­ber 2019 erschie­ne­nen Fach­buch modul­bau. DETAIL, Her­aus­ge­ber: Tho­mas Jakob  (gekürz­te  Text­fas­sung)

Im Woh­nungs­bau sind modu­lar-seri­el­le Bau­wei­sen rela­tiv neu. Koscha­ny + Zim­mer Archi­tek­ten KZA aus Essen gehö­ren zu den ers­ten Archi­tek­tur­bü­ros, die sich mit die­ser Bau­wei­se im Woh­nungs­bau befas­sen. Im Gespräch mit Tho­mas Jakob und Hei­ke Kap­pelt (DETAIL) erzählt der geschäfts­füh­ren­de Gesell­schaf­ter Axel Koscha­ny von sei­nen Erfah­run­gen und den Vor­be­hal­ten der Kol­le­gen.

Wie sind Sie zum modu­la­ren Bau­en gekom­men?

Wir sind 2015 über die damals noch als Deut­sche Anning­ton fir­mie­ren­de Vono­via zum modu­la­ren Bau­en gekom­men. Das Unter­neh­men woll­te nach Jah­ren ohne Neu­bau­ak­ti­vi­tä­ten damit begin­nen, bun­des­weit an meh­re­ren Stand­or­ten nach­zu­ver­dich­ten und war auf der Suche nach einem Archi­tek­tur­bü­ro, das dafür ein Kon­zept ent­wi­ckelt, das seri­ell-indus­tri­el­le Her­stel­lungs­me­tho­den ein­bin­det. Dass es am Ende das modu­la­re Bau­en wer­den wür­de, war zu die­sem Zeit­punkt noch gar nicht klar. Wir haben uns mit Freu­de dar­auf gestürzt, obwohl es ein völ­lig ande­res Arbei­ten ist. Wir began­nen, unab­hän­gig von der Bau­wei­se, modu­la­re Ein­hei­ten zu ent­wi­ckeln, ange­fan­gen mit ein­zel­nen Zim­mern. Aus den Zim­mern wer­den Woh­nun­gen, aus den Woh­nun­gen ein Haus. Wir haben also die übli­che Rei­hen­fol­ge ein wenig auf den Kopf gestellt. Und wir began­nen mit neu­en Begrif­fen zu arbei­ten: Man kon­fi­gu­riert Modu­le – ein Begriff , bei dem man als Archi­tekt auf­pas­sen muss, dass einen die Kol­le­gen nicht schräg anschau­en. Letzt­lich haben wir eine Grund­riss­ma­trix ent­wi­ckelt und auf modu­la­re Ein­hei­ten hin kon­zi­piert, mit der sich im klas­si­schen Woh­nungs­bau die meis­ten aller denk­ba­ren Woh­nun­gen kon­fi­gu­rie­ren las­sen. Inzwi­schen sind wir deutsch­land­weit mit Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten im Gespräch. Lei­der sind die Vor­be­hal­te noch immer groß.

Bei ande­ren Bau­auf­ga­ben gibt es weni­ger Vor­be­hal­te.

Modu­la­res Bau­en ist ja nichts Neu­es. Die Moder­ne hat sich schon vor 100 Jah­ren mit der seri­el­len Fer­ti­gung aus­ein­an­der­ge­setzt. Kitas, Schu­len und Kran­ken­häu­ser wer­den seit vie­len Jah­ren modu­lar gebaut. Aber auch Ver­wal­tungs­ge­bäu­de wie der Büro­park von Air­bus in Fin­ken­wer­der oder das Köl­ner Arbeits­amt bestehen kom­plett aus Modu­len. Kli­ni­ken wer­den bei lau­fen­dem Betrieb nach­ge­rüs­tet.

Sie sind Archi­tekt und Für­spre­cher des modu­la­ren Woh­nungs­baus. Dafür haben Sie viel Kri­tik von Kol­le­gen ein­ste­cken müs­sen. 

Wir reden hier erst mal nur von einer ande­ren Bau­wei­se, von ande­ren Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­pro­zes­sen. Als wir mit dem modu­la­ren Bau­en vor etwa fünf Jah­ren ange­fan­gen haben, bezo­gen wir tat­säch­lich ziem­li­che Prü­gel. Unter ande­rem ging es um die Fra­ge, ob wir nur noch Ein­heits­häu­ser bau­en woll­ten. Wir betrach­ten das The­ma Serie als Her­aus­for­de­rung, die Krea­ti­vi­tät, Gestal­tung und archi­tek­to­ni­sche oder städ­te­bau­li­che Qua­li­tät nicht aus­schließt.  Wenn man ehr­lich ist, ist auch nicht jedes kon­ven­tio­nell geplan­te und rea­li­sier­te Bau­werk Garant für archi­tek­to­nisch-städ­te­bau­li­che Qua­li­tät. Archi­tek­to­ni­sche Qua­li­tät hat erst ein­mal nichts mit der Bau­wei­se zu tun.

Wel­che Erfah­run­gen haben Sie mit der Modul­bau­wei­se­ge­macht?

Wir haben schon eini­ges an Lehr­geld bezahlt und uns inten­si­ve inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Her­stel­lern gelie­fert. Es macht einen Unter­schied, ob Sie mit einem Her­stel­ler zusam­men­ar­bei­ten, der für den Bau­her­ren und mit des­sen Archi­tek­ten arbei­tet, oder mit einem, der viel­leicht schon ein eige­nes Pro­dukt hat, das er gern ver­mark­ten möch­te. Stahl- und Holz­mo­dul­bau­er sind fle­xi­bler in der Her­stel­lung, bei den Modu­l­ab­mes­sun­gen und damit bei der Logis­tik als die Her­stel­ler von Beton­mo­du­len. Abge­se­hen davon haben die Her­stel­ler – lässt man sie allei­ne agie­ren – oft einen ande­ren städ­te­bau­li­chen und archi­tek­to­ni­schen Anspruch und ande­re wirt­schaft­li­che Inter­es­sen als wir. Des­halb, und das fin­de ich sehr, sehr wich­tig, dür­fen wir Archi­tek­ten nicht außen vor blei­ben. 

Wel­ches Mate­ri­al eig­net sich am bes­ten für den Modul­bau?

Die Modu­le basie­ren in der Regel auf Stahl­be­ton, Stahl oder Holz. Jedes Mate­ri­al hat sei­ne spe­zi­fi­schen Eigen­schaf­ten und damit Vor- und Nach­tei­le. Es gibt nicht das eine bes­te Mate­ri­al. Beton hat nach unse­rer Erfah­rung die meis­ten Hemm­nis­se. Ihm fehlt die Fle­xi­bi­li­tät von Holz oder Stahl. In Stahl sind nahe­zu alle trans­por­ta­blen Brei­ten und Län­gen bis zu 21 m mög­lich – also das, was sich auf deut­schen Auto­bah­nen trans­por­tie­ren lässt. Manch­mal ist das brei­te Modul am Ende wirt­schaft­li­cher, trotz höhe­rer Logis­tik­kos­ten, weil man ins­ge­samt weni­ger Modu­le braucht. Mit Stahl funk­tio­niert das am bes­ten, mit Holz teil­wei­se, mit Beton in die­ser Form nicht. Dafür brau­chen Stahl- und Holz­mo­du­le immer einen eige­nen Boden und eine eige­ne Decke. Beim Sta­peln der Modu­le haben sie also immer einen „dop­pel­ten Boden“. Beton­mo­du­le brau­chen nur eine Boden­plat­te. Beim Sta­peln wird die­se zur Decken­plat­te des dar­un­ter befind­li­chen Moduls. Bei einer Nach­ver­dich­tung kann das mit Blick auf Abstands­flä­chen dazu füh­ren, dass man mit Beton­mo­du­len pro Geschoss etwa 30 cm spa­ren und so ggf. ein Geschoss mehr bau­en kann. Holz wie­der­um hat den gro­ßen Nach­hal­tig­keits­bo­nus. Den­noch sind Holz­mo­du­le im Woh­nungs­bau noch nicht so ver­brei­tet. Pro­ble­me aus Sicht der Woh­nungs­wirt­schaft sind der Brand­schutz und die Tat­sa­che, dass ich etwa für die Trep­pen­häu­ser dann doch noch Beton brau­che. Auch in der akus­ti­schen Ent­kopp­lung sind noch nicht alle Punk­te opti­miert. Des­halb läuft es hier oft auf eine Hybrid­bau­wei­se hin­aus. Aber die Her­stel­ler arbei­ten alle an die­sen The­men. Wir wer­den zeit­nah ein Pro­jekt in Holz­mo­du­len pla­nen, mal schau­en, wie der aktu­el­le Stand der Ent­wick­lung ist.

Wie ver­än­dert sich der Pla­nungs­pro­zess?

Da gibt es Par­al­le­len zum Auto­kauf. Als Kun­de neh­men Sie sich Zeit, Ihr neu­es Auto indi­vi­du­ell zu kon­fi­gu­rie­ren. Sie las­sen sich bera­ten, über­le­gen noch ein­mal in Ruhe, rech­nen die Kos­ten, ändern viel­leicht noch­mal etwas – und dann drückt der Kun­den­be­ra­ter auf die Enter-Tas­te und der Pro­duk­ti­ons­pro­zess beginnt. In unse­rem Fall ist es der Bau­herr, den wir bei der Kon­fi­gu­ra­ti­on sei­nes Pro­jek­tes bera­ten. Sie bespre­chen es mit allen Ent­schei­dern, Her­stel­lern und gege­be­nen­falls auch Nut­zern, dis­ku­tie­ren die Stan­dards und Qua­li­tä­ten, den­ken in Vari­an­ten und fügen noch letz­te Ände­run­gen ein. Erst wenn alles passt, wenn Qua­li­tät, Archi­tek­tur, Mate­ria­li­tät und Stan­dards fest­ge­legt sind und der Bau­herr sein Pro­jekt kom­plett „kon­fi­gu­riert“ hat, wird die Enter-Tas­te gedrückt. Anschlie­ßend beginnt der eigent­li­che Pro­zess der Her­stel­lung: Die Modu­le gehen beim Her­stel­ler in die Detail­pla­nung und buch­stäb­lich aufs Band. Im kon­ven­tio­nel­len Bau­pro­zess gibt es wäh­rend des Bau­ens immer wie­der Ände­run­gen, dadurch lau­fen Kos­ten und Zeit häu­fig aus dem Ruder und Qua­li­tä­ten gehen ver­lo­ren. Stimmt der gera­de beschrie­be­ne Pla­nungs­pro­zess, wird das beim seri­el­len Bau­en nicht pas­sie­ren. Sie kön­nen ja auch Ihr Auto nicht mehr umkon­fi­gu­rie­ren, wenn es schon zur Hälf­te übers Band gelau­fen ist. Grund­sätz­lich emp­feh­len wir jedem Bau­herrn, zuerst zu schau­en, ob es sinn­voll ist, modu­lar oder seri­ell zu bau­en. Bringt der Zeit­ef­fekt etwas? Ist der Ort für den Trans­port der Modu­le erreich­bar? Das modu­la­re Bau­en selbst beginnt klas­sisch mit dem Pla­nungs­pro­zess. Vie­les pas­siert gleich­zei­tig und man muss alle Ent­schei­dun­gen inner­halb der Leis­tungs­pha­sen 1 bis 4 tref­fen. Es spart viel Arbeit und Zeit, wenn man alle poten­zi­ell Betei­lig­ten von Anfang an mit ein­be­zieht. Der Abstim­mungs­pro­zess dau­ert so viel­leicht etwas län­ger, dafür ist man spä­ter vor Über­ra­schun­gen und Plan­än­de­run­gen gefeit. Am müh­sams­ten ist es, alle Betei­lig­ten zu dis­zi­pli­nie­ren, sie auf die modu­la­re Bau­wei­se und den damit ver­bun­de­nen Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­pro­zess ein­zu­schwö­ren.

Der Modul­bau­er tritt als Gene­ral­un­ter­neh­mer oder -über­neh­mer auf und damit auf Augen­hö­he mit dem Archi­tek­ten. Wie beein­flusst das die Zusam­men­ar­beit?

Wir kön­nen von den Modul­her­stel­lern ler­nen und die Modul­her­stel­ler von uns. Das Modul als sol­ches ist ja schon sehr aus­ge­reift. Aus­ge­baut wird das Modul aber rela­tiv kon­ven­tio­nell. Vie­le Unter­neh­men sind offen, wenn man als Archi­tekt kommt und anregt, das ein oder ande­re doch mal anders zu machen. Wir füh­ren span­nen­de Gesprä­che mit Zulie­fe­rern aus ganz ver­schie­de­nen Berei­chen. Ein nam­haf­tes Unter­neh­men aus dem Bereich Elek­tro- und Schal­ter­tech­nik etwa koope­riert mit einem Kabel­baum­her­stel­ler aus der Auto­mo­bil­in­dus­trie bei der Her­stel­lung eines modu­la­ren Steck­sys­tems für Schal­ter und Steck­do­sen. Das redu­ziert den Mate­ri­al­ver­brauch und der Ein­bau wird siche­rer. Alles, was wir von der Bau­stel­le in die Pro­duk­ti­ons­hal­le holen kön­nen, ver­bes­sert die Qua­li­tät des Bau­ens, und Unter­neh­men zusam­men­zu­brin­gen, die inno­va­tiv unter­wegs sind, führt immer zu neu­en Erkennt­nis­sen und Opti­mie­run­gen. 

Wo sehen Sie die größ­ten Poten­zia­le für den Modul­bau?

Ein gro­ßes Poten­zi­al des Modul­baus, das in mei­ner Wahr­neh­mung bis­her noch kaum offen­siv als Argu­ment für das modu­la­re Bau­en vor­ge­tra­gen wird, ist der deut­lich gerin­ge­re Mate­ri­al- und Res­sour­cen­ver­brauch gegen­über dem kon­ven­tio­nel­len Bau­en. Nach mei­ner Über­zeu­gung ist dies – neben dem zeit­li­chen Aspekt und der Qua­li­tät – gera­de mit Blick auf die aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Dis­kus­sio­nen ein gro­ßer Vor­teil der modu­la­ren Bau­wei­se. Denn ein gerin­ge­rer Mate­ri­al­ein­satz, der zudem im Vor­feld prä­zi­se kon­fek­tio­niert wird, bedeu­tet weni­ger Ver­brauch von Res­sour­cen und weni­ger Abfall – wich­ti­ge Punk­te ange­sichts der Dis­kus­sio­nen über Nach­hal­tig­keit und die Rol­le des Bau­ens. Auch dar­um soll­ten wir Archi­tek­ten uns nach mei­ner Über­zeu­gung inten­siv mit dem seri­ell-modu­la­ren Bau­en beschäf­ti­gen.

Das Gespräch führ­ten Tho­mas Jakob und Hei­ke Kap­pelt, Redak­ti­on DETAIL. Zum Buch­ti­tel >>

„Es spart viel Arbeit und Zeit, wenn man alle poten­zi­ell Betei­lig­ten von Anfang an mit ein­be­zieht. Der Abstim­mungs­pro­zess dau­ert so viel­leicht etwas län­ger, dafür ist man spä­ter vor Über­ra­schun­gen und Plan­än­de­run­gen gefeit. Am müh­sams­ten ist es, alle Betei­lig­ten zu dis­zi­pli­nie­ren, sie auf die modu­la­re Bau­wei­se und den damit ver­bun­de­nen Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­pro­zess ein­zu­schwö­ren.“