Nied­rig­zin­sen ohne Ende? Stra­te­gie­wech­sel der Fed zemen­tiert ultra­lo­cke­re Geld­po­li­tik

Die Fed hat in einer his­to­ri­schen Ent­schei­dung ihre Stra­te­gie geän­dert: Ein Aus­stieg aus der Nied­rig­zins­po­li­tik rückt nun in noch wei­te­re Fer­ne. EZB-Che­fin Lagar­de wird der­weil für ihr zöger­li­ches Auf­tre­ten kri­ti­siert. Micha­el Neu­mann, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Dr. Klein Pri­vat­kun­den AG, kom­men­tiert die aktu­el­le Situai­on und blickt auf die Zins­ent­wick­lung.

Bau­zin­sen blei­ben güns­tig – wie lan­ge noch?  

Das Rekord­tief vom März 2020 haben die Bau­zin­sen zwar nicht wie­der erreicht, beson­ders weit davon ent­fernt sind sie aber auch nicht. Der Best­zins für 10-jäh­ri­ge Hypo­the­ken­dar­le­hen liegt wei­ter­hin bei 0,36 Pro­zent. Auch die Kon­di­tio­nen für län­ge­re Zins­bin­dun­gen haben sich seit August nicht bewegt und deu­ten wei­ter dar­auf hin, dass uns die Nied­rig­zins­pha­se noch lan­ge Zeit beglei­ten wird. Dar­le­hen mit 20 Jah­ren Zins­bin­dung erhal­ten Kre­dit­neh­mer ab 0,92  Pro­zent, 15-jäh­ri­ge Dar­le­hen ab 0,66 Pro­zent. Micha­el Neu­mann, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Dr. Klein Pri­vat­kun­den AG, erwar­tet auf abseh­ba­re Zeit kei­ne Ände­rung des sehr nied­ri­gen Zins­ni­veaus: „Selbst wenn die Infla­ti­on wie­der anzie­hen soll­te, rech­ne ich nicht direkt mit stei­gen­den Zin­sen. Vie­le Staa­ten kön­nen sich deut­lich höhe­re Zin­sen auf­grund ihrer Rekord­schul­den­stän­de kaum leis­ten.  Der EZB sind damit ein Stück weit die Hän­de gebun­den und sie kann nicht mit star­ken Zins­er­hö­hun­gen gegen­steu­ern.“

Fol­gen­rei­che Ent­schei­dung: Fed ändert ihre Stra­te­gie

Die ultra­lo­cke­re Geld­po­li­tik ist in den Jah­ren seit der Finanz­kri­se fast zu einer neu­en Nor­ma­li­tät gewor­den – sowohl in Euro­pa als auch in den USA. Mit Coro­na hat die his­to­ri­sche Geld­schwem­me noch ein­mal neue Dimen­sio­nen erreicht. Die US-Wäh­rungs­hü­ter sind Ende August auf ihrer jähr­li­chen Kon­fe­renz in Jack­son Hole nun einen Schritt wei­ter gegan­gen und haben ihre Stra­te­gie grund­le­gend neu aus­ge­rich­tet: Auch im Fall einer wirt­schaft­li­chen Erho­lung kann die Fed nun eine stei­gen­de Infla­ti­on in Kauf neh­men und die Zin­sen wei­ter nied­rig hal­ten. Die ange­streb­ten zwei Pro­zent Infla­ti­on sind ab sofort nicht mehr Punkt­ziel, son­dern ledig­lich ein Durch­schnitts­ziel. „Die Stra­te­gie­än­de­rung kam nicht uner­war­tet, hat aber enor­me Aus­wir­kun­gen auf die künf­ti­ge Geld­po­li­tik“, meint Micha­el Neu­mann. „Sie lässt der Fed sehr viel Spiel­raum, auch wesent­lich höhe­re Infla­ti­ons­ra­ten über einen lan­gen Zeit­raum zu tole­rie­ren, wenn sie dabei glaub­haft machen kann, dass sie damit einen posi­ti­ven Ein­fluss auf die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung hat.“ Kon­kret bedeu­tet das: Die Wäh­rungs­hü­ter wer­den die Nied­rig­zin­sen so lan­ge fort­füh­ren, bis Voll­be­schäf­ti­gung herrscht, unab­hän­gig davon, ob die Infla­ti­on dabei stark steigt und die Kauf­kraft der Men­schen sinkt.

Nied­ri­ge Infla­ti­on, star­ker Euro: EZB unter Druck

Auf­grund der schwa­chen Infla­ti­on und des star­ken Euro-Kur­ses waren die Erwar­tun­gen an die EZB-Sit­zung Anfang Sep­tem­ber hoch. EZB-Che­fin Chris­ti­ne Lagar­de blieb aller­dings zurück­hal­tend und sen­de­te kei­ne wei­te­ren Locke­rungs­si­gna­le. Zum stei­gen­den Euro-Kurs kon­sta­tier­te die Noten­bank-Che­fin ledig­lich, dass die EZB die Effek­te beob­ach­ten wer­de, aber kein Ziel für die Wäh­rung hät­te. Eine Aus­sa­ge, die im Nach­hin­ein von vie­len Beob­ach­tern als zu vor­sich­tig kri­ti­siert wur­de. „Lagar­de ist es nicht gelun­gen, den Euro-Anstieg ein­zu­brem­sen“, meint auch Micha­el Neu­mann. „Im Gegen­teil: Nach der Kon­fe­renz ist der Euro-Kurs sogar wei­ter gestie­gen.“ Seit März nahm der Euro-Kurs um rund 10 Pro­zent zum US-Dol­lar zu. Ein stär­ke­rer Euro ist vor allem für export­star­ke Natio­nen wie Deutsch­land ein Pro­blem. Er ver­teu­ert Aus­fuh­ren in ande­re Län­der und ver­bil­ligt Ein­fuh­ren in die Euro­zo­ne. Nach der Kri­tik an ihrer vor­sich­ti­gen Hal­tung fand Chris­ti­ne Lagar­de wenig spä­ter auf einer Kon­fe­renz der Noten­ban­ken aus dem ara­bi­schen Raum deut­li­che­re Wor­te: Die jüngs­te Auf­wer­tung des Euro wür­de die Wir­kung der geld­po­li­ti­schen Locke­run­gen der Noten­bank teil­wei­se kon­ter­ka­rie­ren. Die Noten­bank ste­he daher bereit, alle Instru­men­te falls nötig anzu­pas­sen.

EZB-Stra­te­gie­prü­fung: Wird sie sich an der Fed-Ent­schei­dung ori­en­tie­ren?

Auch die EZB ist dabei, ihre Strat­gie zu über­prü­fen. Sie steht dabei aller­dings vor noch grö­ße­ren Her­aus­for­de­run­gen als die Fed. Die euro­päi­schen Wäh­rungs­hü­ter müs­sen die Inter­es­sen und Bedürf­nis­se vie­ler und teil­wei­se sehr unter­schied­li­cher Län­der in ihre Ent­schei­dung ein­be­zie­hen. „Deutsch­land hat auf­grund der Erfah­run­gen mit galop­pie­ren­den Prei­sen fast pani­sche Angst vor einer zu hohen Infla­ti­on. Ich erwar­te daher eine abge­schwäch­te­re Lösung als das durch­schnitt­li­che Infla­ti­ons­ziel der Fed.“ Um eine Über­ar­bei­tung der Stra­te­gie wird aller­dings auch die EZB nicht her­um­kom­men. „Die EZB mahnt seit einem Jahr­zehnt Refor­men an und erkauft der Poli­tik durch Anlei­he­käu­fe und nied­ri­ge Zin­sen immer neue Zeit dafür. Anstatt zukunfts­ori­en­tier­te Refor­men umzu­set­zen, häu­fen vie­le Euro-Staa­ten aller­dings immer höhe­re Schul­den­ber­ge an und machen sich damit abhän­gig von den Nied­rig­zin­sen. Die Noten­bank ist inzwi­schen in einer Zwick­müh­le gefan­gen und droht zu einem Erfül­lungs­ge­hil­fen der Poli­tik zu wer­den. Sie muss also höhe­re Infla­ti­ons­ra­ten tole­rie­ren, um nicht selbst Aus­lö­ser der nächs­ten Schul­den­kri­se zu sein.“

Von Coro­na ver­drängt, aber immer noch da: das dro­hen­de Bre­x­it-Cha­os

Lan­ge Zeit hat Coro­na die Schlag­zei­len beherrscht. Dass der Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU nach wie vor nicht gere­gelt ist, rück­te in den letz­ten Mona­ten in den Hin­ter­grund. Nun ver­schärft sich der Streit um die Bre­x­it-Rege­lun­gen erneut, zum Jah­res­en­de droht ein chao­ti­scher Aus­tritt. „Das Risi­ko eines unge­re­gel­ten Aus­stiegs steigt mit jedem Tag, solan­ge kei­ne Lösung in Sicht ist. Mei­ner Mei­nung nach wer­den die kurz­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen aller­dings eher über­schätzt. Bei einem Bre­x­it ohne umfang­rei­ches Abkom­men gehen weder in Groß­bri­tan­ni­en noch in der EU die Lich­ter aus. Die lang­fris­ti­gen, geo­po­li­ti­schen Aus­wir­kun­gen wer­den dage­gen eher unter­schätzt. Ohne ein Abkom­men erwar­te ich, dass Groß­bri­tan­ni­en künf­tig unter ande­rem in punc­to Steu­er­po­li­tik und Wäh­rung als aggres­si­ve­rer Wett­be­wer­ber auf­tre­ten wird“, so die Ein­schät­zung Micha­el Neu­manns.

 Kurz­fris­tig: stei­gen­de Vola­ti­li­tät mög­lich

Mit­tel­fris­tig: schwan­kend seit­wärts auf nied­ri­gem Niveau