„Empirische Studien zeigen, dass Senioren heute länger gesund sind als früher und ein aktives Leben führen. Insofern ist eine weitgehend selbstbestimmte Lebensgestaltung im Segment des Seniorenwohnens von großer Bedeutung. Gerade die Generation der Babyboomer hat hier hohe Erwartungen, die schon bald auf den Markt zukommen werden“, erklärt Sabine Hirtreiter, Senior Consultant Healthcare bei IMMOTISS. Die Ursache dieser Entwicklung sei insbesondere auch der individuelle Lebensstil einer neuen Seniorengeneration. Entsprechend steige der Bedarf an bezahlbaren, aber auch an modernen und individualisierten Wohnkonzepten signifikant an.
Hendrik Kappe, Geschäftsführer der Kappe Projektentwicklung, ist sowohl auf Senioren- und Pflegeimmobilien als auch auf Mikro- und Serviced Apartments spezialisiert und stellt fest: „Der Markt für Senior Living, ob seniorengerechtes, betreutes oder Servicewohnen, ist deutlich gewachsen und hat sich in den vergangenen Jahren vor allem durch Community-Ansätze weiter ausdifferenziert.“
Mischformen nehmen zu: Community-Konzepte und Co-Living
Die neuen Wohnmodelle für Senioren setzen verstärkt auf Gemeinschaft, Unterhaltung und Interaktion, etwa durch Veranstaltungen, Wellness- und Gastronomieangebote oder Concierge-Services. Darüber hinaus integrieren sie bedarfsgerechte Pflegeangebote und flexibel buchbare Optionen wie Einkaufs- oder Wäscheservices. Als Vorreiter für ein „hybrides“ Wohnmodell sieht sich der Anbieter Lively, der selbstbestimmtes Wohnen für Senioren als „Co-Living“ in einem „offenen Quartier“ anstrebt, in dem die Bewohner eigenständig leben und sich zugleich im angebotenen sozialen Umfeld aufgehoben fühlen können. Hilfsangebote, Pflege, Services sowie Entertainment und Workshops werden von einem interdisziplinären Team vor Ort gemanagt.
Auch Club- und andere Co-Living-Ansätze, die ältere Menschen als Zielgruppe identifiziert haben, werden verfolgt. Das exklusive Wohnen in einer gleichgesinnten und gemanagten Community richtet sich an Senioren, die ein komfortables und weiterhin aktives Leben führen möchten und die keine oder nur sehr geringe Unterstützung im Alltag benötigen. Co-Living, so der auf Micro-Living spezialisierte Ausstatter Belform, beinhaltet hier voll- oder teilmöblierte Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen, die von gemeinschaftlich genutzten Bereichen umgeben sind.
Der Schweizer Betreiber The Embassies of Good Living bietet etwa hochwertiges, generationsübergreifendes „Serviced Living“ als Communitykonzept an. So richtet sich sein neues Haus The Embassies mit 45 Apartments in Hamburg ebenso an Vierzig- wie an vitale Sechzigjährige. Sozialer Austausch und eine Clubmitgliedschaft sollen die Bewohner zusammenbringen: ob über Coworking, Mentorship-Angebote oder ein hochkarätiges Veranstaltungs- und Kulturprogramm. Wellness oder Kunstworkshops, aber auch ein kuratierter externer Pflegedienst können individuell hinzugebucht werden. Die Miete ab 3.000 Euro pro Monat beinhaltet unter anderem Zimmer- und Sicherheitsservice sowie Housekeeping.
„Soziale Interaktion und gemeinschaftliches Erleben wirken sich positiv auf die Lebensqualität aus.“ Hendrik Kappe, Kappe Projektentwicklung
Mit den zunehmenden Wahlmöglichkeiten wird der Markt des Seniorenwohnens allerdings auch unübersichtlicher. Ansätze wie das Co-Living werden von etlichen Fachleuten nicht als „Senior Living“ verstanden, da hier etwa der Pflegeaspekt fast keine Rolle spielt. Kritisiert wird vor allem, dass die im Marketing sehr unterschiedlich verwendeten Begrifflichkeiten für Seniorenwohnformen eine sachgerechte und fachliche Einordnung erschweren. Eine neue Klassifizierung aus dem Jahr 2024 macht das große Spektrum des neuen Senior-Living abseits von Pflegeeinrichtungen sichtbar und zeigt auf, wie sich das Seniorenwohnen in unterscheidbare „Produkte“ fassen lässt. „Endlich Klarheit in der Asset-Klasse Senior Living“ lautet der Titel des von Anna Schingen, Senior Living Consultant bei Anna Schingen Concepts & Consulting, sowie von Jochen Zeeh, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Immotiss, initiierten Whitepapers, das in Kooperation mit der Zeitschrift Care Invest erschienen ist. Potenzielle Bewohner, aber auch Investoren, sollen damit belastbare Entscheidungsgrundlagen erhalten.
Neue Klassifizierungsmatrix für Senior Living
Die Autoren des Whitepapers gehen von vier zentralen Kategorien aus: dem „seniorengerechten Wohnen“ mit lediglich barrierefreier oder barrierereduzierter Architektur ohne zusätzliche Angebote, dem „Servicewohnen“ mit unterstützenden Dienstleistungen nach Bedarf, dem „Betreuten Wohnen“ für höhere Pflegegrade mit gemeinschaftlichen Aktivitäten, optionalen Mahlzeiten und gastronomischen Angeboten sowie dem „Betreuten Wohnen plus“, das alles bieten kann, was ein Vier- bis Fünf-Sterne-Hotel leistet – inklusive frei wählbarer Pflegeleistungen.
Das „Betreute Wohnen“ vereint damit eine große Bandbreite an Service-, Entertainment- und Pflegeleistungen. Die integrierten oder externen ambulanten Pflegedienste betreuen dabei auch hohe Pflegegrade. Das „Betreute Wohnen Plus“, zu dem auch hochpreisige Seniorenresidenzen zählen können, ist als hochwertiges „Rundum-sorglos-Paket“ konzipiert. Alle Kategorien bieten mindestens ein Zimmer, Küche und Bad, denn anders als betreute Pflegegruppen setzt das Senior-Living stets die Möglichkeit einer selbständigen Haushaltsführung voraus.
Campus- und Quartierslösungen
„Aus unserer Sicht liegt die Zukunft des Senior-Living in Quartiers- oder Community-Ansätzen. Denn es hat sich gezeigt, dass soziale Interaktion und gemeinschaftliches Erleben sich positiv auf die Lebensqualität auswirken. Hinzu kommt, dass in den Quartieren mit unterschiedlichen Wohnformen jeder das passende Angebot finden kann, gemäß dem eigenen Bedarf und den finanziellen Möglichkeiten. Außerdem lässt sich der Pflegebetrieb durch die im Quartier vorhandenen Synergien sehr wirtschaftlich betreiben. Nur so kann das Seniorenwohnen künftig für viele bezahlbar bleiben“, meint Kappe, der aktuell ein generationenübergreifendes Mixed-Use-Quartier entwickelt.
Ähnlich wird dies vom Pflegeimmobilien-Entwickler Cureus gesehen, der bei Neuentwicklungen auch auf Quartiers- und Campus-Lösungen mit anteiligem Servicewohnen setzt. „Vorteil ist, dass stationäre und ambulante Pflege von einem Betreiber effizient und mit kurzen Wegen innerhalb des Quartiers organisiert werden können, und dass Tages- oder Nachtpflege direkt vor Ort buchbar sind“, erklärt Christoph Wilhelm, Sprecher von Cureus. In Kassel-Bettenhausen realisiert der Entwickler derzeit ein generationenübergreifendes Wohnquartier mit 96 barrierefreien Service-Wohnungen sowie einer Seniorenresidenz mit 163 Plätzen. „Wenn es bei Quartieren gelingt, ein vollfunktionsfähiges Verbundsystem von Service- und Pflegedienstleistungen am Standort aufzubauen“, so Kappe, „dann lassen sich die Hilfsangebote stets optimal an die jeweilige Lebenssituation der Senioren anpassen.“